Politik überfordert von Studentenprotesten
2.0: "Nicht auf die Schnelligkeit eingestellt"

Die rasante Online-Vernetzung der protestierenden Studierenden hat die Politik völlig kalt erwischt. Die Schnelligkeit von sozialen Medien wie Twitter, Facebook und Co, über die sich die Hörsaal-Besetzer in Windeseile zusammenschlossen und für ihre Proteste mobil machten, erzeugte aufseiten der verantwortlichen Politiker Überforderung und ließ diese im wörtlichen Sinne alt aussehen.

"Insbesondere die ersten Tage der Proteste zeigten deutlich, dass die Generation der Politiker noch nicht auf die Schnelligkeit dieser Medien eingestellt ist", sagt Manfred Bobrowsky, Medienexperte und Professor am Wiener Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft. Das Besondere an der aktuellen Bewegung sei die Wucht sowie die direkte Ansprache auch an die Politik, die über die sozialen Medien im Web erfolge, meint Bobrowsky, der selbst aktiv an Universitätsstreiks im Jahr 1996 teilgenommen hatte.

Erfolgreiche Bewusstseinsbildung
Während damals zwar schon vereinzelt E-Mail und SMS zum Einsatz kamen, ist die rasante Ausbreitung, Organisation und Vermittlung, wie sie aktuell stattfindet, damit jedoch kaum noch vergleichbar. "Auch 1996 verliefen die Proteste in ähnlichen, basisdemokratischen Strukturen, allerdings langsamer", erläutert Boborwsky.

Mit dem Einsatz von Social Media, dem Aufbau einer eigenen Website samt Livestream http://www.unsereuni.at aus dem besetzten Audimax ist den Studierenden nach Meindung des Medienexperten jetzt schon gelungen, einen unglaublichen Erfolg zu erzielen. "Sie haben es in das Bewusstsein der Politiker gebracht, dass es hier einen akuten Bildungsnotstand gibt." Zudem erreichten die Protestierenden mittlerweile eine Ausweitung der Bewegung über die Landesgrenzen hinaus. Auch in Deutschland werden inzwischen einzelne Gruppen aktiv, die dem österreichischen Beispiel folgen.

Basisdemokratische Medien
"Es ist wesentlich für eine basisdemokratische Bewegung, dass sich die teilnehmenden Menschen entsprechend schnell und gut vernetzen können", betont Bobrowsky. Twitter, Facebook, Chats und SMS fänden hier ihre exakte Anwendung, da sie als Medien selbst nach einem demokratischen System funktionierten. Die Rolle, die einst von einem oder mehreren Agitatoren im Zuge von Revolutionen und Protesten eingenommen wurde, ist jetzt ersetzt durch eben diese basisdemokratische Social-Media-Vernetzung.

"Wir sehen hier jene Generation, die schon zur Schulzeit mit großem Misständen konfrontiert war, eine Generation, die bereit ist, schnell zu reagieren", erklärt Bobrowsky. Damit haben die Studierenden auch die klassischen Medien überrundet. Während es sowohl bei der Mehrheit der Printmedien als auch beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen zumindest Tage dauerte, bis die Proteste eine relevante Berichterstattung erfuhren, hat die Bewegung selbst durch die neuen Kanäle einfach an den alten Medien vorbei kommuniziert.

(pte/red)