Die Packeleien beim Versandhaus Amazon:
Vom Buchhändler bis zum IT-Dienstleister

Die betriebswirtschaftliche Erkenntnis stammt noch aus der Zeit der Dotcom-Blase: Jenseits von schicken Webshops sind es Lagerhaltung und Versand, die über den Erfolg von Internethändlern entscheiden. Amazon, einer der Ersten im Geschäft, lernte dies früh. Das ständige Optimieren der Logistik hat sich beim Online-Retailer indes zu einem Wettbewerbsvorteil summiert, der für viele schwer einzuholen ist. Dennoch ist die große Versandmaschinerie den Investoren an der Wallstreet ein Dorn im Auge. Recht ausgeklügelt zwar, doch die riesigen Flächen, die das Versandhaus für sein monströses Portfolio benötigt, sägen am Gewinn.

Besser gefiel den Börsianern da immer schon eBay, die brauchen nämlich gar keine Lager. Dass in den USA inzwischen bei eBay Ersteigertes immer öfter in braunen Amazon-Paketen ins Haus geliefert wird, ist auch für die an Veränderungen gewöhnte E-Business-Branche Neuland.

Seit 2006 vermietet Amazon Logistikdienstleistungen
Zuerst sollte das so genannte "Fulfillment by Amazon" nur Firmen zugutekommen, die ihre Artikel beim Buchhändler einstellen. Seit diesem Frühjahr ist auch das nicht mehr notwendig: Jedes Unternehmen, online oder nicht, das seinen Versand oder einen Teil seiner Lagerhaltung auslagern will, kann dies bei Amazon erledigt bekommen, Konkurrenz eingeschlossen. International ist das Angebot derzeit auf Deutschland, England, Frankreich und Japan beschränkt. Die hohen Kosten für Lagerhaltung rechtfertigen vor allem für kleinere Firmen, darunter auch Betreiber von eBay-Shops, die Ausgaben. Hinzu kommt der souveräne Umgang mit Auftragsspitzen: Trotz gedrängten Weihnachtsgeschäfts kommt alles rechtzeitig an. Unter der Bezeichnung "Amazon Web Services" offeriert der Online-Riese eine ganze Reihe von B2B-Diensten. Nichts Neues sind Webshops, die dieser bereits seit Jahren für andere betreibt.

Zu den lukrativsten Deals zählt jener mit Target, dem fünftgrößten Händler der USA: Amazon zeichnet für dessen Internetshop und Teile des Versands verantwortlich. "Drop Ship by Amazon" macht andere Online-Händler gleichsam zu Subunternehmern, indem diese ihr Portfolio mit Amazon-Produkten auffetten. Mit dem "Simple Storage Service" (S3) wandelt man schließlich auf Hosting-Pfaden. Vor allem an Jungunternehmer richtet sich schließlich das "All Business Center", wo in einem Aufwaschen Software, Büroartikel und Foren mit Rat und Tat angeboten werden.

Investoren nicht begeistert
Zu weit würde sich Amazon vom Kerngeschäft entfernen, auf zu vielen Hochzeiten tanzen. Hinzu kommt, dass diese Webservices bis zum Frühjahr keinen Profit vorweisen konnten. Die jüngsten Zahlen hoben die Stimmung etwas. So legten die Verkaufsumsätze im dritten Quartal um 41 Prozent zu, der operative Gewinn schnellte um mehr als 200 Prozent in die Höhe und beträgt nun 123 Mio. Dollar. Einige Brokerfirmen zeigten sich danach zuversichtlich, dass die Angebotsausweitung die Erträge innerhalb der nächsten Jahre deutlich steigen lassen könnte, Amazon sei bestens aufgestellt, hieß es gar. Die Analysten von Stifel Nicolaus gehen von nicht weniger als 50 Mrd. Dollar Jahresumsatz bis 2013 aus.

Doch die flacheren Wachstumskurven treiben Amazon dazu, sich stückweise neu zu erfinden. Den Bogen zurück zum Buch will CEO Jeffrey Bezos rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft mit dem E-Book-Reader "Kindle" spannen. Läuft alles nach Plan, soll sich eine Art iPod-iTunes-Effekt für digitale Bücher und Zeitungen einstellen. Entscheidend sei es, so Bezos bei der Präsentation in New York, dem Buch als "letzter Bastion des Analogen" ein Gerät zur Seite zu stellen, das ebenfalls "während des Lesens verschwinde".

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