The Witcher 2 im TEST: Spiel des Jahres?
Geralt, von Beruf Hexer und Schürzenjäger

Nicht alles, was mit Hexerei zu tun hat, muss weiblich sein: Spätestens seit 2007 wissen das zumindest jene PC-Spieler, die mit Protagonist Geralt von Riva die durch und durch erwachsene Fantasywelt von The Witcher genossen haben. Entwickler CD Projekt RED hat mit flexiblem Handlungsverlauf, solider Spielmechanik und einem Schuss Erotik die Erfolgsformel erneut aufgegriffen und einen direkten Nachfolger veröffentlicht. Wir haben ihn unter die Lupe genommen.

Assassins of Kings, so der Beititel von The Witcher 2, setzt inhaltlich dort fort, wo der The Witcher aufgehört hat. Geralt von Riva, seines Zeichens Hexer und begnadeter Schürzenjäger, muss diesmal dem Rätsel um Meuchelmörder auf den Grund gehen, die vermehrt Herrscher in den nördlichen Königreichen heimsuchen. Treue Anhänger des Spiels werden damit belohnt, den Spielstand des ersten Teils importieren zu können und somit auch all die gefällten Entscheidungen mit in den Nachfolger zu nehmen.

Zur Struktur des neuen Abenteuers selbst sei nur soviel verraten, dass sie in Prolog, drei Akte und Epilog unterteilt ist und radikal unterschiedliche Handlungsstränge offeriert. Nicht weniger als 16 (!) Enden der Geschichte soll das Spiel zulassen, das Spieler bei einem Durchgang rund 30 Stunden in den Bann ziehen dürfte. Die hohe erzählerische Qualität bleibt durchwegs referenzverdächtig: Raue Dialoge, politischer Hick-Hack, beinharte Brutalität, Verrat, Liebe und last but not least eine kräftige Portion Sex machen die Story zu einem unwiderstehlichen Cocktail für erwachsene Rollenspieler.

Solide Spielwiese
Stark verbessert wurde das Kampfsystem: Mit Schwertern, Alchemie und Zaubersprüchen ausgerüstet muss Geralt nach wie vor eine frei erkundbare Welt abgrasen und sich allerhand opulenter Gefahren stellen. Die Gefechte arten aber nicht in wilde Klickorgien aus, sondern ermöglichen über weite Strecken taktisches Handeln: Unterschiedliche Hiebe, Parieren, Kontern, Ausweichen und nicht zuletzt magische „Brecher“ lassen kaum Wünsche offen. Die Ausrüstung von Geralt wurde ebenfalls einem radikalen Update unterzogen: Die Welt ist prall gefüllt mit Waffen, Handschuhen, Rüstungen, Hosen und Stiefelwerk. Außerordentliche Gegenstände sind natürlich teuflisch gut versteckt oder werden von mächtigen Gegnern behütet. Sammler kommen jedenfalls voll auf ihre Kosten. Übrigens auch Vielspieler, da The Witcher 2 selbst unter "Normal" einen recht happigen Schwierigkeitsgrad aufweist.

Grafik: Segen und Fluch
Ein Wort für die Präsentation von The Witcher 2? Atemberaubend! Das richtige PC-System vorausgesetzt, entfaltet sich dem Spieler eine Fantasywelt, die so detailverliebt noch nicht zu sehen war. Mächtige Burgkulissen, authentische mittelalterliche Städte und gespenstische Naturbühnen wechseln einander eindrucksvoll ab und sind in eine nicht minder stimmige Soundkulisse gebettet. Kinnlade unten. Sogar in stereoskopischem 3D lässt sich Geralts neues Abenteuer spielen. Aber selbst ohne diesen zusätzlichen Effekt sind brutal hohe Systemspezifikationen erforderlich, um das Spiel in all seiner Pracht auszukosten. Idealerweise sollte man schon einen Vierkernprozessor und eine hochwertige Grafikkarte der neueren Generation sein Eigen nennen.

NEWS.AT-FAZIT
The Witcher 2 ist wie die Rückkehr eines verlorenen Sohnes, den man mit offenen Armen empfängt: Damals schon ob seines Charakters geschätzt, freut man sich nach drei Jahren umso mehr, wie prächtig er sich in der Zwischenzeit entwickelt hat. Bei aller Hochachtung vor dieser Rollenspiel-Perle ist aber auch vereinzelt der mahnende Zeigefinger zu erheben: Dermaßen hohe Systemanforderungen und recht schwierig zu meisternde Spielpassagen hinterlassen einen fahlen Nachgeschmack. Und bei leidenschaftlichen Rollenspielern vermutlich eine leere Kriegskassa. Nichtsdestotrotz ein heißer Anwärter für das Spiel des Jahres.

(Benjamin Brandtner)