Die zweite Chance für einen Foto-Mythos:
Ein Wiener und die Polaroid-Wiedergeburt

Abdrücken, rausziehen, wacheln, anschauen. Das war Polaroid. Nicht wegzudenken aus dem Partyleben, von Geburtstagsfeiern und Familienfesten. Die analogste Form der Fotografie, Bilder, die sich sofort in der Kamera entwickeln und absolute Einzelstücke sind bzw. waren. Bis im Vorjahr das Aus kam.

Das Polaroid-Werk im holländischen Enschede schloss seine Pforten, die Produktion der Filme war beendet. Etwas mehr als 60 Jahre zuvor hatte der amerikanische Physiker Edwin Herbert Land die damals revolutionäre Sofortbildkamera der Öffentlichkeit präsentiert. Rund sechs Dekaden später war sie tot, überrollt von der digitalen Megapixel-Maschinerie, die mittlerweile die ganze Fotowelt besetzt hatte.

Die ganze Fotowelt? Nein, ein unbeugsamer Wiener hört nicht auf, der digitalen Übermacht Widerstand zu leisten … Der 40-jährige promovierte Biologe Florian Kaps wollte sich mit dem Ende des Party-Mythos nicht abfinden – und reagierte. Er mietete eine der sechs Hallen der ehemaligen Polaroid-Fabrik, kaufte den Maschinenpark (der eigentlich zerstört werden sollte), engagierte elf Exmitarbeiter und will im nächsten Jahr wieder mit der Herstellung von Sofortbildfilmen beginnen (die allerdings nicht mehr den Namen Polaroid tragen werden).

"The Impossible Project"
Trotzdem nennt er seinen Plan The Impossible Project (das unmögliche Projekt). Warum? „Weil es lange Zeit so ausgesehen hatte, als sei das Sofortbild nicht mehr zu retten. Und ganz ehrlich: In der digitalen Welt von heute wäre es ja wirklich ein kleines Wunder, wenn unser Projekt gelingt“, sagt Florian Kaps. Was ihn zuversichtlich stimmt: Dass es weltweit noch viele Fans der „Polas“ gibt (so werden PolaroidFotos in der Szene genannt) und noch immer viele Millionen Kameras in Umlauf sind.

Es müssen allerdings noch einige Schwierigkeiten überwunden werden, um das Projekt possible zu machen: zum einen die der Chemie. Denn Sofortbildfilme bestehen aus bis zu 15 Lagen und einem extrem komplizierten Mix aus vielen verschiedenen Substanzen, die teils extra für Polaroid erzeugt wurden. Und dazu kommt: Ähnlich wie bei Coca-Cola ist diese Mischung nach wie vor ein bestens gehütetes Geheimnis. Für Kaps und seine Mitarbeiter gilt es also, die Polaroid-Chemie quasi neu zu erfinden und Unternehmen zu finden, die die Bestandteile erzeugen.

(Michael Kröll)

Mehr zur Polaroid-Wiedergeburt lesen Sie im E-MEDIA 22/09